J. Monika Walther
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Juli 2022

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Haben Orpheus und Euridice nach dem Sinn ihres Lebens auf dieser Erde, ihres Lebens in Griechenland gefragt. Haben sie sich mit der Frage gequält, was ihre Existenz bedeutet, was sie mit ihr anfangen sollen? Sang Orpheus, weil er es konnte oder weil er auf die Gaben der Hörerinnen angewiesen war? Umarmte Euridice Bäume, weil sie eine Nymphe mit diesem Aufgabenbereich war oder weil sie die Gunst der Göttinnen, der Bäume brauchte, um durch ihr Leben zu kommen?

Euridice und Orpheus wussten um die Göttinnen und deren Macht und Missetaten, um die Hölle und deren Faszination. Eine Ahnung, dass es im Leben um das Überleben zwischen all den existierenden Mächten und Mächtigen ging, hatten sie sicher. Kriege und Übergriffe gab es. Die Tage waren nicht nur göttlich, sondern auch Alltage, ohne Himmelsblitze. Wovon lebten die beiden Freischaffenden im schönen Thrakien?

Orpheus war der Sohn der Muse Kalliope und sein Vater der thrakische König und Flussgott Oiagros. Also musste er sich wahrscheinlich lange Zeit nicht, um sein tägliches Brot kümmern. Die Lyra bekam er geschenkt. Unter den Sängern galt er als der Beste. Die Felsen sollen geweint haben bei seinem Gesang. Also nahmen ihn die Argonauten mit auf ihre Raubfahrt zum Goldenen Vlies. Orpheus sang wider das tobende Meer und die Sirenen an. Er hatte einen kleinen Ruhm. Nach diesem Abenteuer verheiratete er sich mit Euridice. Wer sorgte dann für den Lebensunterhalt? Der königliche Vater oder genügte das Ansehen und Können der beiden Eheleute. Viel zu erfahren ist nicht über den griechischen Alltag der beiden. War ihre Liebe oder die Kunst der Sinn des Lebens?

Die Frage nach dem Sinn des Seins könnte dem gierigen, kriegerischen und rücksichtslosem Kapitalismus zum Problem werden. Je mehr Menschen prüfen, ob das was die Werbung verspricht, irgendwo zu finden ist und glücklich macht, wenigstens auf Mallorca, wenigstens beim Grillen am Wochenende, wenigstens bei einem Ausflug, beim Häuserbau, in der Liebe, beim Einkaufen … je mehr Menschen über all das und ihre Arbeit nachdenken, über die Nachrichten, über die Erde, die Kriege, die Schweine, die Grillwürste, die Krankheiten, je mehr sie wahrnehmen, wie viele Versprechen gebrochen werden, um so gefährlicher wird es für das Funktionieren der freien Wirtschaft, bei der der Markt selten etwas regelt und die Freiheit nur noch sinnlosen Konsum und soziale Verwahrlosung bedeutet. Die Bilder stimmen nicht: Die fantastische Werbung zur türkischen Riviera merkt nicht an, dass das Land eine Diktatur geworden ist, noch dass es diese Strände, diese sorglose Schönheit der Natur nicht gibt und schon gar nicht bei der Buchung der All inclusive Pauschalreisen, die in Betonbunker führen. Auch die riesigen Wohnmobile dürfen nicht in der freien ‚wunderschönen‘ Natur oder am Meer stehen. Da gibt es kein Glas Rotwein neben der verführerisch lächelnden Frau mit weitem Blick über Seen und Berge, die Schäflein schauen nicht wie Shawn um die Ecke. Egal was mensch kauft, die jubelnde Freude wie in der Werbung, die Luftsprünge, die Wunder bleiben in der Regel aus. Das Leben verbessert sich keineswegs durch diese und jene App. Das Leben auf der Erde, das eigene Leben gerät vielmehr immer mehr in Gefahr, je mehr wir konsumieren, herumrennen, uns abrackern, es schön haben wollen. Wir haben es nicht mehr schön. Wir genießen weder die Zeit, noch das Essen, die Natur, was wir geschaffen haben. Wir hetzen selbstoptimiert, manche auch noch gecoacht, durch die Tage, um alle To-Do-Listen abzuhaken. Nicht wenige zu einem Lohn, der nicht zum Leben ausreicht. Der Fortschritt ist zum Rückschritt geworden.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich gierig, mordend, rücksichtslos verhält und trotz der Fähigkeit zu denken, abzuwägen, sich der eigenen Lebensgrundlagen beraubt. Lieber für fünfzig Millionen im All herumgondeln statt die Erdkugel zu reparieren. Schon im Paradies war genug nicht genug, es musste mehr sein, die Feige, die Verführung. Danach rackerte sich die Menschheit durch eine endlose Eroberungs- und Kriegsgeschichte, die immer vom Fortschritt schöngefärbt wurde. Nun gelangen wir wieder an den Anfang: es geht um Wasser, Nahrung, Wärme. Also werden noch mehr Kriege begonnen. Russland stellt gerade fest, dass Alaska once upon a time zum russischen Reich gehörte.

Nein, das Argument, wenn wir alles bedächten, könnten wir nicht mehr handeln, ist zum Lächeln. Wir könnten durchaus vieles tun, bevor die Orkane, Dürren, Kriege die Vögel verstummen lassen und der Fall eines Reiskornes die Erde zur Explosion bringt. Aber das Voraussehbare, das Ergebnis aller von uns verursachten Wirkungen, wird beiseitegeschoben und so verkommt die Freiheit zu dem Anspruch konsumieren zu dürfen, um jeden Preis. Und immer mehr, obwohl das immer mehr ein immer weniger wird.

Wirklich - um jeden Preis. Wir wollen für unser Verhalten partout keine Verantwortung übernehmen. Und irgendeinen ominösen Schuldigen finden wir. Dabei müssten wir uns eingestehen, dass wir viele Privilegien genossen haben, viel Erde verbraucht haben, ganz asozial. Und damit wird es vorbei sein. Die Sonne dreht sich nun mal nicht um die Erde. Ziel muss es sein, der Vernunft, der Verantwortung einen Platz am Tisch einzuräumen, damit Freiheit wieder mehr ist als das, was wir alle seit vielen Jahren zum Schaden aller treiben. Der Markt regelt ja nicht einmal, dass wir uns in der asozialen Verwahrlosung wohl fühlen. Da ist kein Genuss, keine Lust, keine Arbeit, die wir uns ausgesucht haben, keine Zeit der Menschen füreinander, keine Freude am Lächeln. Da ist vor allem viel Stress, viel Not, Armut, Elend. Wo ist die Verantwortung füreinander, was ist der Sinn dieses verkommenen Kapitalismus und der Diktaturen?

Ich habe nie über den Sinn meines Lebens oder des Seins nachgedacht. Ich war da und schon das war kaum zu verstehen. Ich war gleichzeitig ein stilles Kind und eines das ins Leben, in Zukunft stürzte. Manchmal zu schnell. Ich wollte viel bis alles wissen. Später war ich auch glücklich und ruhig, wenn ich in Frankreich in einer romanischen Dorfkirche saß, einer schwarzen Maria eine Kerze anzündete. Ich fand nie, dass Gott für mich verantwortlich ist, sondern ich für das, was ich anrichtete, dennoch war und bin ich mir sicher, dass es etwas gibt, das mehr ist als wir alle, aber ein Bild will ich davon nicht haben und Stellvertreter braucht es dafür auch nicht. Nur ein paar Regeln und das sind ja dann auch die, die ein Grundgesetz für das friedliche Miteinanderleben abbilden.

Dass ich malen, Klavier spielen oder schreiben will, dass wusste ich sehr früh. Den Groschen für eine Klavierstunde wollte meine Mutter mir nicht geben, sie sparte auf anderes, für sich. Malen nahm zu viel Raum ein und das Kind sollte an seinem Platz bleiben, blieben Papier und Stifte. Und so entkam ich. Nach dem Sinn fragte ich nicht. Ich lebte, arbeitete, liebte, arbeitete sehr viel, lachte gerne, war glücklich, wenn die Weite des Himmels oder des Meeres mir zeigte, dass ich eine von vielen bin, glaubte immer an das Deichsymbol, jeder Stein und jedes Sandkorn ist wichtig, glaubte immer, dass der Weg das Ziel ist.

Was tue ich?

Mich freuen, dass doch so vieles gelungen ist. Das Lesebuch Jay Monika Walther ist erschienen. Ich schreibe an den ‚Fluchtlinien – Wie die Welt sich innen und außen teilte‘. Ich werde siebenundsiebzig. So viel Leben.

Was wünsche ich mir: Dass es genügend Menschen gibt, die der Vernunft, der Zivilisation, der Erdkugel, also sich selbst noch eine Chance geben, in einer Freiheit für alle. Gleich sind wir nicht, Schwestern werden wir nicht alle, aber selbst bestimmen, wie jede leben will, in sozialer Verträglichkeit.

Und: Der Krieg wird sich ausbreiten und diesmal ist die Atombombe keine Drohung, die den möglichen Krieg in einen kalten Krieg verwandelt, in friedliche Koexistenz. Diesmal geht es grundsätzlich um das Überleben oder/und einen endlosen Kampf. Um Ressourcen, um Land, um Lebensformen. Das Überwachen und Verteidigen der europäischen Grenzen wird niemandem nützen. Gott wird dazu schweigen, also sind wir gefragt, jede.

Jay